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S.H. der 17. Karmapa am 28. Mai 2010 in Live Webcast mit englischer Übersetzung durch Ringu Tulku Rinpoche
"Seit 2500 Jahren gibt es immer noch die Lehren des Buddha; heute Abend werde ich über den Dharma sprechen, wie er von Buddha gelehrt wurde.
Nicht nur der Buddha-Dharma, sondern alle großen Religionen dieser Welt und andere spirituelle Traditionen waren für viele Menschen von großer Hilfe, ihrem Geist und der Welt Glück und Frieden zu bringen und in dieser Gesellschaft in Harmonie zu leben.
Besonders der Buddha-Dharma ist auf ein Verständnis von Interdependenz, also von wechselseitiger Abhängigkeit und auf ein Verständnis von Mitgefühl gegründet; es sind dies die Wurzeln dieser Lehren. Und diese sind nicht bloß eine Philosophie, sondern es handelt sich dabei immer um etwas, das die Menschen auch mit anderen fühlenden Wesen zusammenbringt.
Wenn wir also von Interdependenz, von wechselseitiger Abhängigkeit sprechen, so sind wir Menschen, um zu überleben, abhängig von Wasser, von Atemluft, Nahrung, Kleidung und anderen grundlegenden Bedürfnissen, die alle wieder von vielen anderen Dingen abhängig sind. Diese Dinge stellen sich nicht einfach ein, sobald wir geboren sind. Wir bekommen sie nicht ohne jedwede Anstrengung. Wir brauchen positive Beziehungen, und Bedingungen, die in Ordnung sind. Gute Bedingungen und Aspekte hängen von vielen anderen Dingen ab, daher müssen die Menschen sich auf andere Dinge stützen. Diese Art wechselseitigen Abhängigseins geht nicht ohne Bemühung, kommt nicht ohne entsprechende Ursachen und Bedingungen zustande. Es handelt sich um Kreisläufe von Ursachen und Bedingungen, um Karma oder Interdependenz. Der Hauptpunkt des Verständnisses hier ist, dass wir überleben, indem wir uns auf andere Dinge stützen. Darauf basierend lehrte der Buddha die Sichtweise.
Die Menschen haben die Fähigkeit zu wissen, was sie annehmen müssen und wovon sie frei werden müssen. Bezüglich der Dinge, auf die wir uns stützen müssen, haben wir ein System des Verständnisses, was zu tun ist und was nicht zu tun ist. Aber es ist nicht sehr weit und umfassend, viele Dinge sind nicht beinhaltet in diesem System dessen, was wir tun sollen und was wir nicht tun sollen. Tiere werden umgebracht, wir verstehen nicht, was hier am besten zu tun oder nicht zu tun ist. Oder bezüglich der uns umgebenden Umwelt, auch dies schließt dieses System nicht ein.
Unser Verständnis ist nur auf unsere persönliche Erfahrung gegründet: Wenn wir Schmerz empfinden, dann verstehen wir, was zu tun ist, aber das ist auf Selbst-Zentriertheit gegründet. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir dieses Verständnis in einen weiteren Kreis bringen müssen. Denn wenn wir das fertig bringen, dann können wir diesen Nutzen zu wissen, was richtig oder falsch ist, anderen fühlenden Wesen auf dieser Erde zukommen lassen, ja im ganzen Universum.
Wenn wir über Moral und Ethik sprechen, dann sprechen wir über eine Verantwortung, die wir tragen und die wir selbst spüren. Nicht einfach als eine Philosohpie, sondern dass wir fähig sind, uns in die Lage anderer zu versetzen, als würden wir es selbst fühlen. Es geht dabei insbesondere um liebende Freundlichkeit und Mitgefühl. Es ist doch so: Ich möchte weder Leid noch Schmerz erfahren, ich möchte Glück und große Freude erfahren, und allen anderen ergeht es ganz genau so. Wenn diese Dinge aber anderen geschehen, dann spüren wir das nicht ebenso. Was wir mit liebender Freundlichkeit und mit Mitgefühl zu erfahren versuchen ist, andere so zu erfahren als wären sie wir selbst.
Andere haben Schmerz, und wir erfahren es, als würde es uns selbst geschehen, damit wir ihr Leben verstehen können und in uns liebende Freundlichkeit entstehen lassen.
Menschen sehen es manchmal als schwierig an, wenn sie daran denken, dass wir vom Glücklichsein und Unglücklichsein anderer Menschen berührt und betroffen sein sollen. Sie sehen das Leiden als die endgültige Sache, das Resultat, das Ende. Wir sollten Leiden oder Schmerz nicht als endgültige Antwort sehen, sondern als eine Frage. Wenn wir zum Beispiel irgendwelche Probleme haben, irgendeine neue Situation, dann sollten wir uns nicht einfach hoffnungslos fühlen wie "So ist es also, nichts zu machen." Alternativ dazu können wir es einfach als eine neue Sache nehmen, und neuen Mut aufbringen, wie man entsprechendes Wissen oder eine unterschiedliche Herangehensweise finden kann, das Problem zu verstehen und zu hinterfragen. Es ist wichtig, diese beiden unterschiedlichen Weisen, Leiden zu betrachten, zu unterscheiden.
Einer sieht Leiden als endgültig, der andere sieht es so, sich zu fragen: Wie kann ich etwas tun und Mut fassen, um es zu überwinden. Dies betrifft mein eigenes Leiden wie auch das anderer. Es ist wichtig, dies als einen Test zu nehmen, wie wir dieses Verständnis in unsere Erfahrung hineintragen können.
Viele Menschen glauben, dass Glücklichsein und Zufriedengestelltsein etwas ist, das sich daraus herleitet, dass wir Leiden oder große Probleme loswerden, und dass wir irgendetwas Großes und Befriedigendes erlangen, ein großes Ergebnis oder einen großen Erfolg, eine große Errungenschaft, und nur im Falle, dass wir dies bekommen oder erreichen, fällt uns auch Glück zu.
Ich fühle, dass dies nicht der Fall ist. Wir müssen verstehen, dass unsere wahre Natur unser Frieden und unser Glück ist; in dieser regulären, grundlegenden Daseinsweise liegt unser Glück. Wir müssen nicht große negative Dinge loswerden, um glücklich zu sein. Zum Beispiel atmen wir jeden Tag, jeden Augenblick. Wenn wir nicht atmen, können wir nicht leben. Was wir atmen ist Sauerstoff. Das geht nicht von selbst. Es geschieht aufgrund von Ursachen und Bedingungen und Schritten, dass wir atmen können. Atmen ist nichts Zufälliges, es kommt von Ursachen und Bedingungen. Dass wir leben können, ist etwas wunderbar Erstaunliches. Wir müssen uns glücklich fühlen, dass wir es können. In unserem Leben ist es nicht möglich, dass wir keinerlei Leiden haben, und selbst wenn es so wäre, würde die Zeit es ändern und Probleme würden auftauchen.
Es ist möglich, dass wir leiden, und auch das wird sich ändern. Das ist normal. Was wir verstehen müssen ist, wie die Dinge sind. Auf entspanntere Weise lasst uns zur Ruhe kommen, und wir sollten uns natürlicher und zufriedener fühlen mit dem, was wir sind.
Ganz allgemein ändert sich alles, aber die grundlegende Natur von allem ändert sich nicht. Unser Glücklichsein ändert sich, ebenso unser Unglücklichsein, aber die Natur von beidem ändert sich nicht. Es ist wichtig, dass wir in der grundlegenden Weise ruhen, wie die Dinge sind. Wenn wir zum Beispiel zum Büro fahren, und wir stecken in einem Verkehrsstau und sind spät dran: Wir können wütend werden, und wenn wir uns von dieser Emotion mitreissen lassen, können wir mehr Leid hervorrufen. Ob die Situation eine wichtige oder eine weniger bedeutende ist, die Situation selbst ist nicht die Hauptsache. Entscheidend ist, wie sehr wir uns darauf konzentrieren, wie sehr wir darauf reagieren, und in welcher Weise wir darauf reagieren. Es ist für jeden wichtig, unserem eigenen Geist Frieden zu schenken, und das bedeutet, unseren Geist sein zu lassen. Ruhe in dem, was ist. Wir lassen uns nicht von irgendeiner plötzlichen Emotion oder Reaktion mitreissen und forttragen, sondern lassen unseren Geist so ruhen, wie er ist. Das ist die einzige Art und Weise, unserem Geist Glück zu bringen, es gibt keinen anderen Weg.
Heute ist der Vollmondtag von Saga Dawa, so wie gestern auch, und so möchte ich Euch allen bei dieser Gelegenheit meinen von Herzen kommenden Dank ausdrücken, die ihr sehr geduldig in der Lage ward, dem zuzuhören, was ich zu sagen habe, und besonders möchte ich meinen Freunden in Europa meinen Dank aussprechen. Ich sollte ja jetzt schon in Europa sein, aber es ist nicht so geschehen, wie wir geplant hatten. Nichtsdestotrotz aber konnte mein Geist und meine Rede durch dieses Medium bei euch ankommen, und daher bin ich sehr glücklich. Ein jeder erfreut sich des Vollmondes da oben im Raum, und ich hoffe, dass auch ein jeder auf dieser Welt in der Lage sein wird, sich liebender Freundlichkeit und des Mitgefühls zu erfreuen. Ich drücke euch allen meine dankbaren guten Wünsche und meine Dankbarkeit aus."
Wir bedanken uns bei Maitreya Institut Gutenstein für die gewährten Text-Materialien.
Das englische Transkript ins Deutsche übersetzt von Sylvester Lohninger.
Photographer: Karma Norbu Copyright: Kagyu Monlam Chenmo
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